Autoren lesen anders

Willkommem beim etwas anderen Buch-Rezensions-BLOG!

Man soll bei seinen Behauptungen stets vorsichtig sein. Darum will ich ein ein- schränkendes „fast“ meiner ersten Aus- sage voranstellen:

Fast alle Autoren sind begeisterte Leser!

Natürlich! Natürlich sind sie begeisterte Leser, denn würden sie nicht Bücher, Literatur und Geschichten lieben, wären sie kaum je auf den Gedanken gekom- men, auch selbst einmal eine Geschichte zu verfassen.

Auch ich lese noch immer. Nicht mehr so viel wie früher, doch noch immer be- geistert.

Seit ich schreibe, habe ich aber festgestellt, dass ich anders lese. Das Schreiben hat mir einen neuen Blickwinkel eröffnet, den ich vorher nicht kannte.

Ich will niemanden herabsetzen. Autoren sind weder bessere Leser, noch ist der Blick des Schreibenden ein Ersatz für ein Literaturstudium. Ein Autor ist auch nicht automatisch ein besserer Kritiker oder ein kompetenter Feuilletonist. Nichts von all dem. Ein Feuilletonist ist ja umgekehrt auch nicht automatisch ein guter Autor - ebenso wenig wie er ein guter Kritiker, Germanist oder besserer kompetenterer Leser ist.

Dennoch behaupte ich: Autoren lesen anders. Mit einem zusätzlichen Blickwinkel auf ein Werk. Sie können einer Geschichte sozusagen unter den Rock kucken, Sie lesen auch mit einem technischen Auge: Sie erkennen, wenn sie sensibel sind, den Zweck von verschiedenen Szenen in Geschichten. Sie können oft erspüren oder erahnen, warum ein Autor eine Szene oder einen Dialog genau so schrieb, wie er es tat. Sie können es, weil sie das in einer Geschichte auch ihr Gerüst, den Plot erkennen - und seine Funkionen und Notwendigkeiten - und die Schwierigkeiten ebenso wie ihre Schönheit.

Alle Autoren haben bei ihren Schreiben immer wieder auch mit ihrem Plot zu kämpfen. Sie beschäftigen sich, anders als Leser, eine ganze Weile mit einem unfertigen Text. Immer wieder müssen sich überlegen, welche Folgen eine neue Szene hat, was sie leistet, wie sie den Plot voranbringt oder den Leser mit wichtigen Informationen versorgt. Wo die meisten Leser nur eine spannende Geschichte genießen, erkennen Autoren auch das Zusammenspiel und das Inein- andergreifen der einzelnen Handlungsteile und platzierter Informationen - und ihre Wirkung auf den Leser.

Das Schöne ist, dass dieser technische Blick, den man als Autor entwickelt, den Lesespaß und Zauber nicht beein- trächtigt. Nur, weil man weiß, wie ein Autor Spannung erzeugt, ist ein Buch darum ja nicht weniger spannend - ganz im Gegenteil. Auch nicht beim Wiederlesen. Man kann sich im Idealfall nur über noch eine weitere Dimension des Vergnügens ergötzen.

Schreiben ist nicht nur Genie, es ist auch Handwerk. Dieses Handwerk ist bei den unsterblichen Klassikern und Höhe- punkten der Literaturgeschichte dasselbe wie bei der oft belächelten Unterhaltungsliteratur. Darum funktioniert dieser analytische Blick auf Bücher auch dort. Ein guter Dialog ist ein guter Dialog, unabhängig davon, ob er aus den fünf Freunden stammt oder aus Schillers Räubern.

Mein Blick auf ein Buch hat sich geändert. Er ist schärfer geworden, und differenzierter. Ich kucke Büchern inzwischen immer öfter unter den Rock. Doch mein Blick ist nicht grau- sam. Ich veranstalte keine Vivisektion am lebenden Buch. Ich lüfte nicht für einen Verriss oder aus Spottsucht den Rock- saum. Mein Blick ist gelenkt von Neugier aber ebenso von Anerkennung und kollegialer Wertschätzung, von Profi zu Profi sozusagen.

In meinem Blog „Autoren lesen anders“ auf werde ich immer wieder Bücher vorstellen und dabei immer an diesen Büchern einige Aspekte zeigen, die das entsprechende Werk besonders schön demonstriert. Aspekte, die beson- ders für Schreiber bemerkenswert sind. Ich will den Lesern offenlegen, was ich an dem Buch schätze und bewundere und sie einladen, selbst einem Buch technisch auf den Zahn zu fühlen und den Rock anzuheben. Vielleicht kann man so mehr erkennen und dabei lernen.

Ziel ist also mehr Lesevergnügen und besseres Schreiben gleichermaßen.

Zur Form.
Es wird sich meist auch um Bücher handeln, die schon reichlich beschrieben sind. Die Buchvorstellung wird darum meist knapp und recht und schlicht erfolgen. Das Besondere der Rezensionen wird stets im zweiten Teil liegen, im Blick unter den Rock. Ich will versuchen, zuerst das Buch ganz prägnant zu charakterisieren, ähnlich einer Prämisse. Es wird eine knappe Inhaltsangabe folgen - danach Anmer- kungen zum Personal und zur Sprache. Auch eine Würdi- gung der spezifischen Schönheit darf nicht fehlen, die fest- stellt, was das Werk im Vergleich zu anderen auszeichnet, sodass ein Lesen oder Wiederlesen zu empfehlen ist. Auch die Wirkgeschichte der Bücher - so weit sie eine haben - soll aufgezeigt werden, bevor ich ein persönliches Urteil fälle. Da es sich durchwegs um Leseempfehlungen handelt, wird das Urteil wohl fast immer positiv sein. Hiermit endet die allge- meine Rezension. Es folgt der Blick unter den Rock, die eher technisch-schreiberischen Aspekte. Hier aber kann ich keinem Schema folgen, denn es werden bei den verschie- denen Büchern immer wieder andere Aspekte in den Blick geraten. Am Ende will ich noch einmal zusammenfassend formulieren, was man als am Schreiber vom Autor des besprochenen Werkes lernen kann.

Ich plane, Mitte jeden Monats ein neues Buch vorzustellen. Diese Art der Buchbesprechung habe ich noch nicht im Netz gefunden. Ich hoffe sehr, dass es Leute gibt, die mit meinem spezifischen Blick etwas anzufangen wissen, und freue mich schon auf Leser.

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Januar 2012
J.R.R. Tolkien:
Der Herr der Ringe

Februar 2012
Robert Louis Stevenson:
Die Schatzinsel

Zwar schrieb ich eben, dass ich hier vor allem positive Beispiele zeigen will und daran will ich mich in Zukunft auch halten. Ein einziges Mal will ich aber doch an einem Buch zeigen, was man besser nicht nachahmen sollte. Man wird es mir hoffentlich verzeihen, denn die Qualität und literarische Bedeutung steht bei diesem Werk außer Frage. Hier gilt: Quod licet iovi non licet bovi. (Was Jupiter darf, darf ein Rindvieh noch lange nicht.)

Auch wenn es vermessen ist, dieses riesige und großartige Werk so knapp und nüchtern zu beschreiben ... auch wenn ich dabei eigentlich nur scheitern kann, ich will es dennoch wagen.

J.R.R. Tolkien
Der Herr der Ringe

Auf einen Blick
Sauron, dem dunklen Herrn fehlt nur noch sein eigener verschollener, mächtiger Zau- berring, dann kann er alle freien Völker unterwerfen. Während er mit allen Mitteln versucht, ihn zu erlangen und die Welt deshalb mit Krieg überzieht, versucht ein kleines Häuflein den Ring zu vernichten. Doch dazu müssen sie tief ins Herz von Saurons Reich.

Inhalt
In der mehr oder weniger mittelalterlich geprägten Welt Mittelerde erbt der Hobbit Frodo einen Ring, der unsichtbar macht. Gandalf der wandernde Zauberer entdeckt in ihm den einen Ring der Macht, geschaffen von Sauron selbst, dem finsteren Herrn von Mordor, der sich in diesen Tagen wieder erhebt und erneut die Herrschaft über ganz Mittelerde anstrebt. Zur Vollkommenheit seiner Macht fehlt ihm nur mehr der verschol- lene Ring. Plötzlich wird Frodo gejagt und flieht mit seinem treu ergebenen Gärtner und zwei Vettern, geführt vom Waldläufer Aragorn, zu Elrond, dem weisen Halbelben. Dort wird eine Expedition beschlossen, die versuchen soll, die ständige Bedrohung durch den mächtigen Ring ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Frodo soll den Ring zerstören. Das geht aber nur im Feuer des Vulkans, in dem er erschaffen wurde, in Mordor.
Heimlich brechen neun Gefährten auf, Hobbits, Menschen, Elben und Zwerge unter der Leitung des Zauberers, als Vertreter aller freien Völker sollen sie Frodo unterstützen.
Je länger die Reise dauert, um so deutlicher zeigt sich, dass nicht alle der Versuch- ung des Rings und seiner Macht gleich gut widerstehen können. Als einer der Gefähr- ten den Ring an sich nehmen will, zerbricht die Gruppe, Frodo und sein Gärtner dringen allein ins Land des Gegners ein, während die anderen Überlebenden in die kriegerischen Wirren hineingezogen werden, die die Gier nach dem Ring ausgelöst haben. Hier geben sie die entscheidenden Impulse und tragen zur vorläufigen Wende des Schlachtenglücks bei. Es gelingt, die ersten Angriffe gegen übermächtige Heere Saurons abzuwehren. Doch Sauron hat viele Heere in Mordor und ist noch längst nicht geschlagen.
Eine tollkühne Herausforderung Sauros durch Aragorn zwingt den Herrn von Mordor, seine Truppen zu verlegen und macht so schließlich den Weg für Frodo zur Zerstörung des Rings frei.

Personal
Es ist ein Roman von epischer Breite mit einer gewaltigen Anzahl von Nebenfiguren. Selbst viele der unbedeutenden Nebenfiguren sind ungewöhnlich fein differenziert, haben einen tief ausgearbeiteten Hintergrund, sind liebevoll durchgezeichnet und wirken sehr lebendig. Lediglich den wenigen weiblichen Charakteren muss man im Vergleich zu den männlichen ein wenig Originalität und Blässe attestieren.

Sprache
Dass die Sprache im Buch eines Sprachwissenschaftlers wenig zu bekritteln ist, versteht sich beinahe am Rande. Sie ist, wie ein Halblingsfestmahl, üppig, ausufernd und stets mit Vergnügen zu genießen. Selten, aber doch an ein paar Stellen gleitet die Sprache ins heroisch-pathetische ab. Die gar nicht mal seltenen Lyrikpassagen stören manche Leser. Doch sie zeigen eine große Bandbreite sprachlichen Könnens und hohe Sensibilität. Auch die zwei Übersetzungen ins Deutsche sind wohlgelungen, wobei ich die älter von Margaret Carroux für angenehmer halte.

Spezifische Schönheiten
Die Akribie, mit der Tolkien seine Welt entwarf, für sie Sprachen entwickelte, zu ihnen Völker erfand und für die Völker ihre Geschichte, ist wohl einzigartig. Das Werk fußt auf über 10.000 Jahren ausgearbeiteter, dokumentierter Geschichte, die bis zum göttlichen Schöpfungsakt zurückreicht. Einige der Taten längst verblasster Zeitalter wirken im Herr der Ringe fort. Es wirkt sich auch spürbar auf die Schauplätze der Handlung aus: Wo diese bei vielen anderen Autoren nur alt wirken, aber letztlich flach und unwirklich erscheinen wie potemkinsche Dörfer, sind sie bei Tolkien solider und mehrdimensional, durchweht vom Hauch echter, alter Geschichte. Dieser wahrhaften und alten Geschichte sind auch die Charaktere verbunden, die Zwistigkeiten zwischen Zwerg und Elb sind nicht nur Vorurteile, sondern spürbar ihre gewachsene kulturelle Identität.

Wirkgeschichte
Der Herr der Ring ist DAS Initialwerk des Genres Fantasy. Phantastische Literatur gab es schon vorher, doch der Herr der Ringe prägte so nachhaltig die Szene, dass er ein ganzes Genre mit inzwischen einem guten Dutzend Subgenres entscheidend prägte und die Schöpfung einer Legion von Romanen angeregt hat. Seine Schönheit und literarische Qualität hat in den letzten Jahrzehnten auch in Wissenschaft und Buchhandel die verdiente Anerkennung gefunden. Längst wird der Herr der Ringe nicht mehr als überdicker Schinken eskapistischer Trivialliteratur geschmäht, zumindest nicht ohne heftigen Widerspruch. Er gilt völlig zu Recht als moderner Klassiker.

Urteil
Für mich persönlich ist der Herr der Ringe sicher eines der wichtigsten Bücher. Zu behaupten, dass es mich nicht nachhaltig geprägt habe, ist mir nicht möglich. Man muss es nicht mögen. Tolkien selbst war sich bewusst, dass sich an seinem Buch die Geister scheiden würden. Dennoch ist der Herr der Ringe eines der Bücher, die man unbedingt gelesen haben sollte, wenn man Fantasy nicht völlig abhold ist.

***

Der Herr der Ringe für Schreiber
Eine Erzählung ist kein Kuchen. Es gibt kein Rezept, keine Liste, die man abarbeiten muss, um erfolgreich zu sein. Es gibt aber ein ganzes Bündel von Regeln, die man besser beherzigt, wenn man ein Publikum und die Kritiker gewinnen möchte.
Manche Geschichten sprengen aber jedes literarische Gesetz. Es gibt Bücher, die  großartig sind, auch wenn sie diesen ganz elementaren Ratschlägen widersprechen. Ein gutes Beispiel ist der Herr der Ringe:

    Plotte die Geschichte zu Ende
    Es ist bekannt, dass Tolkien erst im Verlauf des Schreibens, für sich herausfand, auf welches Ende die Geschichte hinausläuft. Das ist ein fundamentaler Fehler beim Plotten. Das Ende bestimmt die Geschichte, ihrer Stimmung und den Duktus der Sprache. Bücher nicht zu ihrem Ende zu plotten, ist der wohl häufigste Grund für Fragmente gescheiterter Projekte.

    Mach es nicht zu lang
    M. Reich Ranicky zufolge sollte nur ein Buch den Umfang von 500 Seiten über- schreiten: das Telefonbuch. Dieses Buch ist länger. Viel länger. Es ist auch heute noch schwer, für solch gewaltige Werke einen Leser zu finden. Um so höher ist es dem Verlag George Allen & Unwin zu danken, das Risiko der Veröffentlichung gewagt zu haben.

    Vermeide Infodump
    Den Leser vor Beginn der Geschichte mit einem voluminösen Sachteil über die Welt und ihrer Eigenheiten zu traktieren, ist eine Zumutung. Inzwischen gibt es hierfür das Fachwort „Infodump“. Es gilt auch hier: „Show, don`t tell!“ ist all- gemein die bessere Lösung. Dennoch gehört auch der große und ausführliche Teil über das Auenland, der dem Roman vorangestellt ist, zu den Teilen, die ich immer wieder gerne lese. Zur Nachahmung ist es aber nicht zu empfehlen!

    Fang mit dem Anfang an
    Es gilt allgemein als unbedingt empfehlenswert, eine Geschichte mit ihrem Anfang zu beginnen. Tolkien beginnt aber 30 Jahre früher. So entsteh ein riesiges Zeitloch in der Handlung - von dreißig Jahren!

    Weniger ist Mehr
    Es ist wenig ratsam, eine Vielzahl von Figuren anzulegen, auf die man später nicht mehr zurückzugreifen gedenkt. Das ausufernde Personal mit groß angelegten Stammbäumen im Anhang ist einerseits kurios und zeugt von Detailversessenheit, ist aber anderseits auch ein Anlass für Witze.

    Vermeide lange Erklärungen
    Die Hintergründe des Plots werden in zwei monologlastigen Kapiteln ohne nennenswerte Handlung offengelegt. Das würde von Lehrbüchern als langatmig und unelegant kritisiert. Hier ist allen anderen Schreibern unbedingt erneut das Prinzip „Show, don't tell!“ ans Herz zu legen.

    Entscheide Dich: Lyrik oder Prosa
    Ein Roman, auch ein langer, ist kein Gedichtbändchen. Die vielen Gedichte und Lieder, die Tolkien die Erzählung eingestreut hat, wird kaum ein Ratgeber einem Autor durchgehen lassen. Man sollte besser Lyrik nicht mit Prosa mischen.

    Tot ist tot
    Figuren, die gestorben sind, sollten später nicht wieder aus dem Hut gezaubert werden, nur weil man die Figur für die Handlung wieder braucht. Das ist eine erzählerische Totsünde! Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel. Doch es muss die Ausnahme bleiben und Tolkien ist vor uns allen draufgekommen.

    Vermeide Zeitsprünge
    Der komplette zweite Band zerfällt in zwei Teile, die zeitlich parallel spielen. Der Leser wird erst mit Aragorn auf die Orkjagd nach Rohan geschickt, mehrere Hundert Seiten lang. Dann muss er einen Salto rückwärts machen, um zum Anfangszeitpunkt zurückzukehren, von wo er Frodos Weg verfolgt, nun ebenfalls wieder mehrere Hundert Seiten lang. Das ist nicht nur ungewöhnlich, es ist eine Zumutung – für den Leser. Das sollte man lassen.

    Vermeide zu viele Handlungsstränge
    Die Geschichte dröselt sich im Verlauf des Romans in immer mehr einzelne Handlungsstränge auf, als es irgendein Ratgeber empfehlen würde: Frodo und sein Gärtner in Mordor, Aragorn & Co auf den Pfaden der Toten, Gandalf mit einem Halbling in Minas Tirith und der andere mit den Reitern von Rohan: Es sind bis zu vier parallele Handlungsstränge, die man verfolgen muss. Allgemein ist eher das Prinzip K.I.S.S. anzuraten: „Keep It Short & Simple“

    Nach dem Ende sollte Schluss sein
    Auch mit dem Abschluss hat Tolkien so seine Schwierigkeiten. Jack Nickolsons Kritik am dritten Teil des Films lässt sich auch auf das Buch übertragen: „Too many endings.“ Zu viele Schlussszenen: Der Fall Saurons, die Krönung Ara- gorns, die Befreiung des Auenlandes, der Aufbruch von den weißen Häfen.
    Der Ritt in den Sonnenuntergang ist länger als mancher Roman. Zwar wüsste ich nicht, was man weglassen sollte, doch als Vorbild zur Nachahmung kann ich es nicht empfehlen. Auch hier sollte man eher dem Prinzip K.I.S.S. folgen.

Wie kann so ein Buch ein Welterfolg werden? Mit diesen Fehlern? Mit diesen Schwächen?

Es ist ein Erfolg, weil es trotz alldem ein genialer Wurf ist und in seiner Art einmalig und großartig. Es ist auch ein Erfolg, weil die hier bekrittelten Schwächen dem Leser nicht als solche auffallen. Die Geschichte und die Figuren ziehen den Leser so in Bann, dass er bereitwillig auch solche Kuriositäten schluckt.

Was können wir daraus lernen? Sollen wir jetzt alle in unseren Büchern Tote wieder- auferstehen lassen und alles ganz anders machen, als es empfohlen wird?

Ich hoffe sehr, dass das nicht Ihr Schluss ist. Diese Regeln sind erprobt und habe ihre Berechtigung. Aber das Beispiel zeigt, dass solche Regeln keine literarischen Naturgesetze sind. Manchmal muss man der Geschichte folgen und es anders machen. Um aber so viele Grundgesetze ungestraft zu vernachlässigen, sollte man besser ein ähnlich geniales Werk schreiben.

Viel Spaß beim (Wieder-)Lesen!

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Heute möchte ich einen absoluten Long- und Bestseller, einen unverwüstlichen Evergreen vorstellen. Ich weiß noch genau, wann, wo und wie ich dieses Buch entdeckte und mit ihm die Abenteuer des Meeres und die Gesellschaft der Piraten. Ich war damals knapp 10 Jahre alt.

Er war eines meiner ersten echten Jugendbücher:

Robert Louis Stevenson
Die Schatzinsel

Auf einen Blick
Dieser immer noch junggebliebene Jugendbuchklassiker schickt seine Leser an der Seite des jungen Gastwirtssohnes Jim auf eine abenteuerliche Suche nach einem Piratenschatz.

Inhalt
Der Roman beginnt im Westen Englands, wohl in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Dem jungen Jim fällt aus dem Nachlass eines alten - im Gasthaus seiner Mutter gestrandeten - Piraten eine Schatzkarte in die Hände. Sie soll den Weg zum Schatz vom alten Flint weisen, einem berüchtigtem Bucaneer, der legendäre Reichtümer gehortet haben soll. Zusammen mit Doktor Livsey, einem Freund der Familie und dem Grundherrn Esquire Trelawney wird eine Expedition zur Bergung des Seeräuberschatzes beschlossen. Trewlawney chartert ein Schiff und heuert die Mannschaft an, tüchtig beraten vom einbeinigen John Silver, einem seeerfahrenen, sympathischen Schiffskoch, den der Grundherr am Hafen kennenlernt.

Unter dem Kommando des gestrengen Kapitäns Smollet geht es nun auf Schatzsuche. Als Schiffsjunge ist Jim bei allen beliebt. Besonders aber mit Long John Silver freundet er sich an. Kurz vor der Ankunft am Ziel kann er aber eine Verschwörung und Pläne zu einer Meuterei belauschen. Drahtzieher und Kopf der Verschwörung ist ausgerechnet der Schiffskoch. Jim weiht umgehend Kapitän Smollet, Livsey und Trewlawny ein, dass Silver selbst unter Flint Pirat war und eine ganze Reihe alter Schiffskameraden eingeschmuggelt hat. Auch sie wollen den Schatz heben - in Eigenregie. Um die Verschwörer und Meuterer von Bord zu haben, gibt Smollet großzügigen Landgang. Leichtsinnig geht auch Jim mit an Land. Schon bald erkennt er seinen Fehler: Die Piraten und Meuterer sind alle an Land, während der Kapitän und seine Getreuen das Schiff halten. Als Jim Zeuge eines Mordes wird und den Ernst seiner Lage erkennt, flieht ins Inselinnere. In der Folge überschlagen sich die Ereignisse, Schatzsuchern und den Piraten wechseln die Stellungen, Spieleball dazwischen immer wieder Jim, der dabei auch kräftig die Karten mischt.

So ist es im Ende Jim zu verdanken, dass die Piraten auf der Insel zurückgelassen werden, während das die Helden mit dem schatzbeladenen Schiff heimsegeln.

Personal,
Das Buch ist zu Recht ein Klassiker der Jugendliteratur. Jim als Icherzähler führt den Leser flott und ungedrechselt durch die Geschichte. Die Nebenfiguren sind klar und unverwechselbar durchgezeichnet und stets lebendig. Long John Silver, der sympathische und dennoch blutrünstige  Oberschurke ist so gut gelungen, dass er selbst Held mehrerer Bücher wurde. Eine Ehre, die nicht allen Figuren der Literatur erwiesen wird.

Sprache
Die Sprache ist auch nach mehr als einem Jahrhundert und sogar in der deutschen Übersetzung nicht noch nicht verstaubt. Sie ist flüssig, unkompliziert und immer mit genug maritimem Flair, um romantische Sehnsucht zu erzeugen, aber stets ohne echte Fachkenntnis beim Leser einzufordern.

Wirkgeschichte
Ein Buch wie dieses ist natürlich eine Steilvorlage für Filmemacher. Um so erstaunlicher ist, dass das Buch in den Augen des Autors dieser Zeilen nie wirklich gut verfilmt wurde, wenn man von der genialen, natürlich etwas freieren Muppetadaption einmal absieht. Das relative Scheitern der mehr als zwanzig Verfilmungen scheitern weniger am Unvermögen der Macher, als an der hervorragenden Qualität der Vorlage. Die Geheimnisse der Schatzinsel können im Film niemals so geheimnisvoll und plastisch wirken, wie nachts im Schein der Nachtschlampe. Dieses Buch schafft so gutes Kopfkino, dass das die Kinoumsetzungen blass wirken. Darum ist die Schatzinsel also vor allem. was sie stets war: Ein unverwüstlicher und ewig junger Klassiker der Jugendliteratur.

Urteil
Das Buch ist sicher immer noch bestens geeignet, um junge Leser gefangenzunehmen, und an ferne Gestade zu entführen. Es ist, wie beinahe jedes gute Kinderbuch auch ein Wiederlesen wert. Ich halte es für zeitlos, eines der wichtigsten Bücher der Literaturgeschichte, ein Meisterwerk.

Die Schatzinsel für Schreiber
Was können Schreiber von diesem Buch lernen? Einiges. Die Figuren sind zum Beispiel eine Analyse wert. Sie sind, sobald sie sich vom Hintergrund lösen, plastisch und wirken lebendig. Bei genauerer Betrachtung sind sie eher holzschnittartig mit wenigen spärlichen Eigenschaften angelegt. Ihre Lebendigkeit erhalten sie vor allem durch die gelungene Typisierung und ihren einzigartigen Sprachduktus. Minimaler Aufwand, maximaler Effekt. Hier kann man viel lernen.

Die größte Leistung besteht aber in etwas anderem. Mit der Schatzinsel hat Robert Louis Stevenson geradezu exemplarisch gezeigt, wie man durch Wendungen in der Handlung Spannung erzeugen kann. Tatsächlich erlebt der Leser immer wieder neue überraschende Wendungen. Ständig werden die Voraussetzungen geändert und macht alle bisherigen Erwartungen des Lesers hinfällig. Stevenson setzt hier den Protagonisten wie eine Flipperkugel ein, als Spielball, der auf der Insel stets zwischen den Parteien hin und hergeworfen wird. Einerseits wird er von den Ereignissen immer wieder in eine neue Richtung mitgerissen, anderseits löst er selbst immer wieder neue Handlungsentwicklungen aus. Dieser komplizierte Plot ist unbedingt einer näheren Betrachtung wert. Stets, wenn die Situation statisch wird, geschieht etwas völlig Unerwartetes. Diese immer neuen Wendungen allein machen das Buch so reizvoll und zwingen den Leser, weiterzulesen.

Ein Großteil der Spannung des Buches entsteht nur durch den Plot und seine Wendungen, nicht durch Gewalt oder düstere Drohungen. Diese Elemente benutzt Stevensen zwar auch, aber - bei Licht betrachtet - deutlich zurückhaltender.

Allen Schreibern möchte ich dringend empfehlen, ruhig einmal wieder einen Blick in die Schatzinsel zu werfen. Um ein gutes Buch zu lesen, um hier geschicktes Plotten zu betrachten und einiges von Stevenson zu lernen. Mich selbst nehme ich dabei gar nicht aus.

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Der Ordnung halber:

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